Verlag/Label: col legno music GmbH / Wien
Veröffentlichung: 10. Oktober 2025
Erhältlich bei: col legno - New colors of music (col-legno.com)
Dieses Album ist ein musikethnologisches Dokument mit Seltenheitswert. Denn wer kann sich im urbanen Lebensumfeld noch vorstellen, dass in einem kleinen Dorf in Osttirol bis heute Musikantinnen und Musikanten zu mehreren Dutzenden ausrücken, um bei den mehrmals im Jahr stattfindenden Prozessionen über Flur und Feld zu marschieren und dabei auf ihren Blasmusik- und Schlaginstrumenten zu spielen?
Die Musik zum feierlichen Schreiten ist in Süddeutschland, Österreich und Südtirol erstmals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachweisbar. Im Mittelpunkt jedes Prozessionsmarsches steht ein bekanntes Kirchenlied. Die Musikkapelle Innervillgraten dokumentiert mit dieser Aufnahme nun ihr Repertoire einer Gebrauchsmusik, die von den lokalen Kapellmeistern Josef Steidl Vater und Sohn entscheidend geprägt wurde - beide zusammen leiteten die Blasmusik im hochalpinen Tal mehr als achtzig Jahre lang.
Diese CD vereint eine Auswahl majestätischer und würdevoller Märsche, die mit großer Sorgfalt ausgewählt wurden. Jeder einzelne Titel ist darauf ausgelegt, die feierliche Stimmung von Prozessionen einzufangen – sei es im kirchlichen, kulturellen oder festlichen Rahmen.
Tauchen Sie ein in klangvolle Kompositionen, die Sie auf eine musikalische Reise mitnehmen, die Gemeinschaft und feierliche Ergriffenheit zugleich wachruft.
Der Klang steigt auf wie Weihrauch – leise, langsam, durchdrungen von geistigem Duft. Der Rhythmus folgt dem Schritt der Pilger: stetig, würdevoll, frei von Hast. Und die Melodie? Sie richtet sich wie ein flehender Blick zur Gottesmutter – voll Vertrauen und stiller Ehrfurcht.
Und nun: Ohren auf für eine Musik, die - scheinbar weit entfernt - noch immer ein kollektives Bildergedächtnis in uns wecken kann.
Vom feierlichen Schreiten
Von Thomas Nußbaumer
Eine Prozession (von „procedere“ – „vorrücken“) ist ein feierlicher, geordneter Umzug, ein „liturgisches Ab- und Umschreiten“ und eine regelmäßig wiederkehrende „kollektive Gebärde einer Kultgemeinde“ (Wolfgang Brückner). In allen großen Religionen finden Prozessionen statt, Einzüge zum Gottesdienst,
Prozessionen unter Mitführung heiliger Gegenstände (z. B. zu Fronleichnam und am Palmsonntag), Flurumgänge oder sogenannte demonstrative Prozessionen
(etwa zum Geleit eines neugeweihten Bischofs oder von Reliquien). Entscheidend ist das feierliche Schreiten.
Während einer katholischen Prozession können Rosenkränze, Litaneien, Psalmen oder Hymnen gebetet oder gesungen werden. In Süddeutschland, Österreich und Südtirol werden Prozessionen oft von Blasmusikkapellen begleitet. Die dabei musizierten Stücke sind meistens Kirchenlieder oder Prozessionsmärsche zur Förderung der Andacht und Erleichterung des gemeinsamen Gehens. Auch in Innervillgraten ist die Prozession mit Musik Teil der kirchlichen Festkultur. Schöne Statuen und Fahnen werden durch das Dorf getragen und beim Flur- und Wettersegen beten die Menschen um gedeihliches Wetter für die Ernte. Glockengeläut, Böllern und die Klänge der Musikkapelle schaffen eine feierliche Stimmung und bringen die christliche Gemeinschaft zusammen.
Wann genau das Genre der Prozessionsmärsche, dessen Hauptkennzeichen darin liegt, dass zumeist ein Kirchenlied das Zentrum der Komposition bildet, entstand, wurde noch nicht erforscht. Es ist anzunehmen, dass Prozessionsmärsche für Blasmusik, zu denen man auch singen kann, erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkamen.
In Innervillgraten sind Prozessionsgesänge mit Blasmusik zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachweisbar. So finden sich unter den Musikalien, die der legendäre Innervillgrater Blasmusiker Josef Steidl d. Ä. (1864–1945) vulgo „Högger“, Bauer zu Hochegg, zwischen 1903 und 1910 aus eigener Geldtasche, wie er in seinen Erinnerungen „Mein Lebenslauf als Musiker“ schildert, für die Musikkapelle und den Kirchenchor erwarb, die „Prozessions-Gesänge mit 4 Stimmiger-Blechbegleitung“ eines Komponisten namens Höllwarth. Es ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um Stücke eines der Schwazer Brüder Höllwarth – Joseph, Karl und Johann, drei Geistliche, die im späten 19. Jahrhundert insbesondere die cäcilianische Kirchenmusik förderten – handelt.
Höllwarth scheint unter den Komponisten der für die vorliegende CD eingespielten 15 Prozessionsstücke allerdings nicht auf, jedoch besonders häufig
Josef Steidl d. J. (Tracks Nr. 2, 6, 10, 14), dessen nach wie vor unpublizierte Eigenkompositionen nicht nur den Bedarf an Prozessionsmusik in Innervillgraten
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern auch das sehr beachtliche künstlerische und musikalisch-handwerkliche Niveau dieses autodidaktischen
Komponisten dokumentieren.
Nicht fehlen dürfen in der Prozessionsmusikliteratur einer Tiroler Musikkapelle die „Absamer Prozessionsmärsche“ (Tracks Nr. 3, 7, 9, 12) des aus Marienbad/Böhmen stammenden und in Tirol wirkenden Militärmusikers, Kapellmeisters und Musikerziehers Josef Frank (1881–1957). Sie erschienen ab 1930 in drei Folgen und unterschiedlichen Arrangements und wurden von der Apostolischen Administratur Innsbruck und Diözese Brixen/Südtirol bis zur Mitte der dreißiger Jahre in den Medien geradezu propagiert, und zwar mit dem Ziel, die bei Prozessionen gemeinhin gespielten weltlichen bzw. militärischen Märsche durch geistliche Blasmusik abzulösen. „Der Wunsch aller Musikinteressierten geht dahin, daß auch in Hinkunft bei Umgängen die feierlich-religiösen Prozessionsmärsche gespielt werden möchten, zumal das ja auch alle kirchlichen Behörden aufs wärmste wünschen“, schrieb der „Volksbote“ (Südtirol) im Jahr 1932. Bei Frank treten die religiösen Lieder „Auf zum Schwur“ (Herz-Jesu- Lied, Melodie von Ignaz Mitterer), „Salve Regina“, „Ave Maria“ und „Dem Herzen Jesu singe“ in den für die vorliegende CD ausgewählten Märschen besonders deutlich hervor.
Zwei Werke des aus der Umgebung von Freiburg im Breisgau stammenden Finanzbeamten und Blasmusikkomponisten Emil Dörle (1886–1964) (Tracks Nr. 5, 13) belegen, dass man in Innervillgraten auch das überregionale Repertoire kennt und schätzt. Dörles Fest- und Prozessionsmärsche „Lätitia“ und „Treu Kolping“ gehören neben dem berühmten Marsch „Hoch Badnerland“, dessen Text die Menschen in Freiburg aufrechtstehend und mit Hand am Herz singen, zu seinen bekanntesten Kompositionen.
Wie Dörle lebte auch Viktor Hasselmann (1904–1983) aus Sonneberg/Thüringen in Freiburg. Zunächst war er Militärmusiker, dann freier Mitarbeiter des Südwestfunks und Musiklehrer. Sein Prozessionsmarsch „Zur Ehre Gottes“ (Track Nr. 4) spiegelt die religiöse Facette dieses Komponisten, der ansonsten auch für Akkordeon- und Salonorchester Unterhaltungsmusik schrieb, wider.
Während der Prozessionsmarsch „Glorwürdige Königin“ (Track Nr. 11) des Tirolers Franz Josef Egg (1900–1954), zunächst Mitglied der Innsbrucker Kaiserjäger und später Kapellmeister in Gries am Brenner und Hallstatt/OÖ, und der Prozessionsmarsch „Credo“ (Track Nr. 8) des gebürtigen Oberschlesiers Hans Hartwig (1917–2012), Militärmusiker, Theaterkapellmeister in Karlsruhe, Geiger im Südwestfunk-Orchester, Musikdirektor in Gengenbach und Schlagerarrangeur, zum älteren Repertoire der Musikkapelle Innervillgraten zählen, verweist der 1987 publizierte Prozessionsmarsch „Zum festlichen Tag“ (Track Nr. 1) des aus Siebenbürgen/Rumänien stammenden und bis zu seiner Pensionierung als Musiklehrer in Böblingen/Baden-Württemberg tätigen Komponisten Franz Watz (*1949) nahezu in die Gegenwart. Gewissermaßen zeitlos ist das Prozessionslied „Großer Gott, wir loben dich“ (Track Nr. 15) nach der bekannten Melodie des Sauerländers Heinrich Bone (1813–1893), es wird auch in Innervillgraten gerne zur Fronleichnamsprozession gespielt und gesungen.